Anschläge erschütterten Dänemark

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Polizei untersucht Gebiet um Bahnhof NorrebroNach zwei Terroranschlägen in Kopenhagen binnen weniger Stunden hat die Polizei den mutmaßlichen Attentäter am Sonntag in der Früh erschossen.

Der Mann ist den Polizeiangaben zufolge vermutlich für den Mord an einem Gast einer

Diskussion mit dem Mohammed-Karikaturisten Lars Vilks in einem Kulturcafe und an einem jüdischen Wachmann vor einer Synagoge verantwortlich.

Dänemark will sich nicht von den Terroranschlägen einschüchtern lassen. "Es gibt viele Fragen, die die Polizei noch beantworten muss", sagte Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt. "Aber es gibt eine Antwort, die wir heute schon geben können. Und die lautet, dass wir unsere Demokratie verteidigen werden."

Die dramatischen Stunden von Kopenhagen begannen am Samstag um 15.33 Uhr. Der junge Mann beschoss mit einer automatischen Waffe von außen das Kulturcafe, in dem eine Veranstaltung zum Thema "Kunst, Gotteslästerung und Freie Rede" stattfand. Ein Gast starb, Augenzeugen zufolge handelt es sich um den 55-jährigen Filmregisseur Finn Nörgaard, berichtet die Zeitung "Ekstra Bladet". Drei Polizisten wurden verletzt.

Der Angriff in dem Kulturcafe galt vermutlich dem schwedischen Zeichner Lars Vilks. Islamisten kritisieren ihn seit Jahren wegen seiner Mohammed-Karikaturen. Er war bereits mehrfach Ziel von Anschlägen. Islamisten setzten ein Kopfgeld von 150.000 Dollar (rund 132.000 Euro) auf ihn aus. Vilks blieb bei dem Anschlag unverletzt. Er hatte sich mit einer Organisatorin der Diskussion in einem Kühlraum versteckt.

Nach dem Anschlag setzte eine Großfahndung ein. Der Attentäter flüchtete in einem dunklen VW Polo. Er stellte das Auto der Polizei zufolge dann ab. Per Taxi ließ er sich demnach zu einer rund vier Kilometer entfernte Wohnung fahren. Etwa zehn Stunden nach dem ersten Anschlag eröffnete wahrscheinlich derselbe Täter nach Mitternacht das Feuer an einer rund 500 Meter von der Wohnung entfernten Synagoge.

Ein Mann wurde von einer Kugel tödlich in den Kopf getroffen – nach Angaben aus der jüdischen Gemeinde ein 37 Jahre alter Freiwilliger, der die Besucher am Eingang kontrollierte. Zwei Polizisten wurden verletzt. Zu einer Feier waren in dem Gebäude rund 80 Menschen versammelt. Nach Angaben des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, Dan Rosenberg Asmussen, gelang es dem Angreifer nicht, in das Gebäude vorzudringen.

In der Zwischenzeit hatte die Polizei ihren Angaben zufolge Stellung vor einer Wohnung nahe eines S-Bahnhofs außerhalb des Zentrum bezogen. Die Adresse habe sie von dem Taxifahrer bekommen, dessen Fahrgast der Mann war. Kurz vor 5.00 Uhr kehrte der Mann dorthin zurück. Die Sicherheitskräfte riefen ihm zu. Er eröffnete den Angaben zufolge sofort das Feuer. Die Beamten schossen zurück und trafen den mutmaßlichen Terroristen tödlich – gut 13 Stunden nach dem ersten Anschlag.

In der dänischen Hauptstadt herrschte zeitweise Panik und Chaos. Die Lage war über Stunden völlig unklar. Die Polizei vollzog die Spur des Mannes durch Videoaufzeichnungen von den einzelnen Schauplätzen nach.

"Wir nehmen an, dass es derselbe Täter ist", sagte Chefpolizeiinspektor Torben Mölgard Jensen Sonntagfrüh. "Aber es gibt derzeit noch sehr viele lose Fäden, die wir erst zu einem Bild weben müssen." Nicht völlig ausgeschlossen war zu diesem Zeitpunkt, dass es Helfer gab. Der mutmaßliche Täter sei den Ermittlern bekannt gewesen, hieß es bei einer Pressekonferenz am Sonntagmittag.

Die Identität des Mannes wollten Polizei und Sicherheitsbehörde zunächst aber nicht preisgeben. "Er kommt aus Kopenhagen, das ist alles, was wir sagen können", sagte der Chef der dänischen Sicherheitsbehörde PET, Jens Madsen. Nach dem ersten Anschlag hatte die Polizei eine Fahndung nach einem etwa 25 bis 30 Jahre alten Mann "arabischen Aussehens" ausgelöst. Bilder aus einer Überwachungskamera zeigten einen dunkel gekleideten Mann mit roter Mütze.

Der Anschlag gegen das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" im Jänner in Paris könnte den Attentäter nach Einschätzung von PET zu den Taten inspiriert haben. Nichts deute bisher darauf hin, dass der Mann einen Komplizen gehabt habe, sagte Madsen, noch gebe es Hinweise darauf, dass der mutmaßliche Täter sich als Jihadist in Syrien oder im Irak aufgehalten habe. Die Ermittler fanden eine Waffe, die die Tatwaffe sein könnte.

Im deutschen Braunschweig wurde unterdessen der Karnevalsumzug kurz vor dem Start wegen Hinweisen auf mögliche Terroranschläge abgesagt. Zu der Veranstaltung, dem sogenannten Schoduvel, waren am Faschingssonntag bis zu 250.000 Besucher erwartet worden.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu forderte unterdessen die Juden in Europa zur Auswanderung in den jüdischen Staat auf: "Juden wurden auf europäischem Boden ermordet, nur weil sie Juden waren." Der britische Premierminister David Cameron zeigte sich betroffen. Die USA boten Dänemark ihre Hilfe an.

Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve machte sich auf den Weg in die dänische Hauptstadt. Unter den Besuchern des Kulturcafes war auch der französischen Botschafter Francois Zimeray. Er blieb unverletzt.

Die Taten mehr als fünf Wochen nach den Anschlägen auf "Charlie Hebdo" in Paris lösten in vielen Ländern Bestürzung aus. Der französische Präsident Francois Hollande sicherte Thorning-Schmidt "Frankreichs Solidarität" zu. Auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel sagte ihr in einem Telefonat die Zusammenarbeit Deutschlands bei der Bekämpfung des Terrorismus zu. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu rief die europäischen Juden nach dem Angriff in Kopenhagen zur "Massenemigration" in ihre "Heimat" Israel auf.

EU-Ratspräsident Donald Tusk nannte die erste Tat "einen weiteren brutalen, terroristischer Angriff, der auf unsere fundamentalen Werte und Errungenschaften abzielt – inklusive der Freiheit auf Meinungsäußerung". Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ), Vizekanzler Reinhold Mitterlehner und Außenminister Sebastian Kurz (beide ÖVP) verurteilten den Anschlag auf das Schärfste und bekannten sich zur Verteidigung der Meinungsfreiheit.

Verteiler: Austria Presse Argentur