Libyen steht kurz vor dem Zerfall

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Der IS hat auf dem Territorium des gefallenen Staates ein Emirat errichtet.

Reichlich drei Jahre nach dem gewaltsamen Sturz von Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi mit Hilfe des Westens rivalisieren an die 250 Milizen um die Macht im Lande, wobei die islamistischen Kräfte nun endgültig die Oberhand zu gewinnen scheinen. Error, group does not exist! Check your syntax! (ID: 3)

Diese verübten im Sommer 2014 einen Staatsstreich, nachdem sie die Parlamentswahlen vom 25. Juni verloren hatten. Dabei erhielt ihre Militärallianz namens Fadschr Libya

(Libysche Morgendämmerung), zu der unter anderem auch Terrorgruppen wie die Al Kaida im Maghreb gehören, vermutlich Rückendeckung aus Katar, Saudi-Arabien und der Türkei. Jedenfalls gelang es den Islamisten, die Kontrolle über die Hauptstadt Tripolis zu erringen und den alten, abgewählten Nationalkongress wieder einzusetzen, woraufhin der dann am 25. August eine „Regierung der nationalen Rettung“ unter Omar al-Hassi installierte. Währenddessen war das neue Parlament, nunmehr Abgeordnetenrat genannt, in die ostlibysche Stadt Tobruk geflüchtet, wo es seinerseits im September Abdullah Thenni zum Ministerpräsidenten kürte, was Libyen zu einem Staat mit zwei Regierungen machte.

Anschließend beauftragte die durch die Parlamentswahlen legitimierte und vom Westen anerkannte Führung in Tobruk den pensionierten Generalmajor Chalifa Haftar, der schon seit einiger Zeit an der Spitze einer eigenen Privattruppe gegen die ebenfalls islamistischen Ansar-al-Sharia-Milizen in Benghazi kämpfte, mit der Vertreibung der Fadschr Libya aus dem Westen des Landes beziehungsweise Tripolis. Allerdings gelang Haftar hierbei noch kein wesentlicher Durchbruch, obwohl seine „Nationale Armee“ sogar von der ägyptischen Luftwaffe und der algerischen Regierung unterstützt wurde. Ebenso sorgte die Konzentration auf die Wiedererringung der Macht im Raum Tripolis und Benghazi dafür, dass der Islamische Staat in Libyen Fuß fassen konnte.

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(Sie drohen, das Machtvakuum zu füllen: Islamisten haben in Libyen mittlerweile sogar die Botschaft der USA besetzt)

Der erste Schritt hierzu erfolgte vor einem Jahr. Damals verließen zahlreiche libysche IS-Kämpfer den Irak und Syrien und kehrten in ihre Heimatstadt Derna zurück, wo sie den sogenannten Schura-Rat der Jugend des Islam gründeten, der alle liquidierte, die sich ihm in den Weg stellten – einschließlich der fundamentalistischen Märtyrer der Abu-Salem-Brigade. Dadurch erlangten die IS-Veteranen sukzessive die Kontrolle über die 100000-Einwohner-Ortschaft an der Küste der Cyrenaika. Am Ende dieses Prozesses stand dann am 5. Oktober ein erster öffentlicher Treueschwur an die Adresse des IS-Führers und Kalifen Abu Bakr al-Bagdadi, der mit einem großen Autokorso, bestehend aus 60 Pick­ups, gefeiert wurde.

Doch irgendwie zeitigte diese spektakuläre Aktion keine spürbare Wirkung, weshalb die nun mittlerweile 800 IS-Anhänger in Derna ihr Gelöbnis Ende Oktober in aller Form wiederholten, woraufhin der Kalif dann endlich am 13. November im Rahmen seiner regelmäßigen Audiobotschaften verkündete: „Oh Moslems, freut Euch über die frohen Neuigkeiten, dass der Islamische Staat sich weiter ausgedehnt hat, bis in andere Länder wie Saudi-Arabien, Jemen, Ägypten, Libyen und Algerien. Hiermit erklären wir die Annahme der Gefolgschaft der Gruppen in diesen Ländern und wir annullieren die einheimischen Namen dieser Gruppen, erklären diese Länder zu Emiraten des Islamischen Staates und setzen unsere Gefolgsmänner dort ein.“
Das war zwar pures Wunschdenken, was die angebliche Expansion nach Saudi-Arabien, Jemen, Ägypten und Algerien betraf, aber im libyschen Derna bestand nun tatsächlich ein real existierender Brückenkopf des Kalifats, den al-Bagdadi dann auch gleich noch ganz offiziell zur „Wilayah Barqah“, das heißt zur IS-Provinz Ostlibyen, erhob. Ebenso ernannte er einen Statthalter für die selbige, der zugleich als oberster Richter von Derna fungieren sollte. Dabei fiel seine Wahl auf den Jemeniten und Islam-Prediger Mohammed Abdullah alias Abu al-Baraa el-Azdi.

Seitdem herrschen in Derna die gleichen Zustände, wie man sie auch aus dem Kerngebiet des Islamischen Staates kennt, einschließlich öffentlicher Auspeitschungen und Enthauptungen für banale Vergehen, die im Fußballstadion der Stadt zelebriert werden. Des Weiteren unterhält der IS in „Wilayah Barqah“ ein Trainingslager für seinen Nachwuchs, das laut Geheimdienstberichten im Jebel-Akhdar-Gebirge südwestlich von Derna liegt. Die dort ausgebildeten Kämpfer sollen höchstwahrscheinlich die derzeit im Aufbau befindlichen neuen Zellen des Islamischen Staates in al-Bayda, Benghazi, Sirte, al-Khums und Tripolis verstärken.

Damit hat sich der IS nun in einer Region etabliert, die nur noch 350 Kilometer von der EU-Außengrenze entfernt liegt, und macht darüber hinaus Anstalten, noch weiter zu expandieren.