Neue Eskalation auf dem Balkan: Steht Serbien vor neuem Kosovo-Krieg?

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© AFP 2018 / Alexa Stankovic

Dass ein neuer großer Konflikt demnächst auf dem Balkan ausbrechen könnte, wird schon seit geraumer Zeit spekuliert, aber noch nie war er so wahrscheinlich wie in diesen Tagen.

Dabei geht es um einen internationalen Konflikt – einen neuen Kosovo-Krieg unter Beteiligung von US-Truppen, was zu einer weiteren Spaltung Serbiens führen könnte. In Belgrad erkennt man bereits diese Gefahr und bereitet eine Revanche vor.

Es sind mittlerweile 1930 Tage vergangen, in denen die albanischen Behörden im Kosovo selbstständige, im Grunde autonome Munizipalitäten der serbischen Gemeinden im Norden der Region bilden sollten. Das war die einzige vereinbarte Bedingung für die Fortsetzung der Verhandlungen zwischen Belgrad und Pristina und Belgrad, aber es war jedem klar, dass die Albaner nichts unternehmen würden – und im Grunde hatten sich alle damit bereits moralisch abgefunden. Aber plötzlich kam es zu einer gefährlichen Eskalation.

Im Vorfeld des Ablaufs des serbischen Ultimatums an Pristina wurden auf einmal Gerüchte in Umlauf gesetzt, dass es zu einer neuen Gewalteskalation im Norden des Kosovo kommen könnte. Möglich wären sogar umfassende Kriegshandlungen. Eine serbische Zeitung berichtete beispielsweise, Moskau hätte Belgrad Informationen seiner Geheimdienste zur Verfügung gestellt, dass die Albaner Angriffe auf serbische Enklaven vorbereiten würden, sodass es zu einer Wiederholung der Ereignisse von 2004 kommen könnte.

Mehr noch: Es wurde gleichzeitig behauptet, dass der Militäreinsatz der Albaner die Besetzung einiger Regionen im Süden Serbiens vorsehen würde, die Pristina beansprucht. Dieser gewaltsame Einsatz könnte unter dem Schutz der KFOR-Kräfte unter dem Codenamen „Goldene Säbel“ verlaufen.

Angesichts dessen berief der serbische Präsident Aleksandar Vucic eine Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrates ein und wandte sich danach an das serbische Volk, vor allem in den nördlichen Regionen des Kosovo. Der Präsident rief sie auf, Ruhe zu bewahren und sich nicht provozieren zu lassen. Gleichzeitig warnte er, dass die Sicherheit aller Serben „die wichtigste Aufgabe“ sei. Nach seinen Worten wollen alle Frieden, aber es gibt nun einmal böse Menschen, die „vielschichtige“ Provokationen organisieren und dabei Unterstützung seitens ausländischer Geheimdienste erhalten. Welche Länder er dabei meinte, präzisierte der serbische Staatschef nicht, aber der für Kosovo und Metochien zuständige Kanzleichef Marko Duric führte einige Details an: Ihm zufolge wurde herausgefunden, dass ausländische „Agenten“ einige serbische Politiker und Geistliche unter Druck gesetzt hätten. „Einige Menschen in Serbien haben eine Atmosphäre heraufbeschworen, in der sie ihr Land verrieten und schreckliche Verbrechen gegen ihr eigenes Volk planten – nach dem Szenario von abgesprochenen Konflikten“, betonte Duric. Allerdings wurde bisher niemand verhaftet.

Im Norden des Kosovo fand derweil eine KFOR-Übung statt. Einen noch ungünstigeren Ort und Zeitpunkt dafür hätte man wohl kaum finden können, zumal dabei die Verlegung des US-amerikanischen und polnischen Bataillons in kritisch wichtige Orte der serbischen Gebiete geübt wurde. Und als sich ein amerikanischer Panzer-Konvoi in den Norden von Mitrovica begab, artete die Nervosität in einen offenen Konflikt aus.

Die Situation entwickelte sich folgenderweise: Am frühen Morgen fuhren die US-Marineinfanteristen auf der Straße zwischen Kosovska Mitrovica, Zubin Potok und Rozaja los. Bei Zubin Potok machten sie einen kurzen Halt. Am Ende erreichten die Amerikaner das Wasserkraftwerk Gazivoda am gleichnamigen Stausee, von wo aus das halbe Kosovo und die südlichen Gebiete Serbiens mit Strom versorgt werden. Ein wichtigeres Energieobjekt gibt es in ganz Serbien nicht, und deshalb blockierten die serbischen Truppen alle Wege zu diesem See. Ob sie gewisse Befehle bekommen hatten oder ob die weiteren Ereignisse eine „Improvisation“ waren, ist nicht bekannt. Aber bald darauf erschienen über dem Gazivodasee amerikanische Hubschrauber, deren Piloten die Serben vom Boden ihre Stinkefinger und Maschinengewehre zeigten. Für ein paar Stunden lang war die Lage derart angespannt, dass ein Krieg auszubrechen drohte.

Das polnische Bataillon begab sich gleichzeitig in Richtung des Dorfes Valac und nahm ohne jeden Widerstand den dortigen Stromverteilungsknotenpunkt unter seine Kontrolle, der direkt mit dem Kraftwerk Gazivode verbunden ist. Dieser Verteilungspunkt versorgt Mitrovica und die albanischen Gemeinden südlich vom Fluss Ibar mit Strom, wird aber aus irgendwelchen Gründen nicht von den serbischen Kräften bewacht.

Das Vorgehen der amerikanischen und polnischen Kräfte lässt sich kaum als „Übung“ bezeichnen – vielmehr handelte es sich um eine offensichtliche Provokation, die sich übrigens an dem Tag ereignete, an dem in Kroatien der Jahrestag der Operation „Oluja“ pompös gefeiert wurde, als Mitte der 1990er-Jahre die Republik Serbische Krajina quasi ausgelöscht worden war. In ihrer früheren Hauptstadt Knin fand eine Militärparade statt, auf der die kroatische Armee demonstrativ ihre Schlagkraft zur Schau stellte. Aber besonders empörend fand die serbische Seite dort die Anwesenheit von Beobachtern aus Montenegro, dem neuen Nato-Mitglied. In Belgrad wertet man dies als Verrat. Präsident Vucic ordnete Maßnahmen zum Schutz der serbischen Einwohner Montenegros an, deren Rechte dort nach seiner Auffassung verletzt werden. Der serbische Außenminister Ivica Dacic verurteilte in einem kurzen Interview die Führung in Podgorica – und über die Kroaten sagte er, sie wären „nicht ganz dicht“.Damit ist Serbien auf einmal in den Mittelpunkt eines internationalen Konflikts geraten, und zwar gleich in drei Richtungen — doch das ist weniger überraschend.

Überraschend war etwas anderes: Es brach plötzlich ein Skandal zwischen der Regierung Aleksandar Vucics und der Serbisch-Orthodoxen Kirche aus.

Nach dem jüngsten russisch-amerikanischen Gipfel in Helsinki wird über eine mögliche „Kompromiss-Entscheidung“ bezüglich des Kosovo geredet. Vermutlich könnte es zu einem „territorialen Tausch“ kommen, wobei der nördliche Teil dieser Region, die mehrheitlich von den Serben bevölkert ist, offiziell den Status einer Autonomie bekommen könnte, die sich nicht unmittelbar Podgorica unterstellen würde und künftig sogar (wieder) Teil Serbiens werden könnte. Belgrad würde im Gegenzug die Unabhängigkeit des Kosovo teilweise anerkennen und den Kosovaren einige Gebiete nördlich von Ibar überlassen. Vucic zeigte sich vor kurzem damit einverstanden. Jedenfalls signalisierte er die Bereitschaft zu einer „Kompromisslösung“.

Aber diejenigen, die diese Gerüchte verbreiten, nahmen leider keine Rücksicht auf die albanische Mentalität: In Pristina fand man offenbar, dass Serbien eine Art „verwundeter Tiger“ ist, den man ewig stören und provozieren kann. Vor kurzem  deuteten die kosovarischen Behörden an, dass ihnen ein solches Tauschgeschäft nicht weit genug gehe. Der kosovarische Präsident Hashim Thaçi und sein Premier Ramush Haradinaj erklärten, dass Kosovo wäre bereit zu einer „Korrektur der Grenze“, aber nicht für einen Tausch. Die „Korrektur der Grenze“ würde für sie bedeuten, dass sie einen Teil des serbischen Territoriums unter ihre Kontrolle nehmen, ohne mit den Serben die Territorien zu tauschen. Deshalb verlangten sie einfach, dass dem Kosovo der südliche Teil Serbiens angeschlossen werden sollte, wo seit gut 50 Jahren Albaner leben – hinzu kommen sollen auch alle Gebiete nördlich von Ibar. „Eine Aufteilung des Kosovo wird es nicht geben. Wir werden diese Frage nicht besprechen“, sagte der kosovarische Parlamentsvorsitzende Kadri Veseli dazu.Und plötzlich zeigte die Serbisch-Orthodoxe Kirche ihre Solidarität mit den Albanern – allerdings von der anderen Seite. Gegen die Aufteilung des Kosovo sprach sich der Bischof Theodosios von Raska-Prizren aus, der an der Spitze der Diözese in Kosovo und Metochien steht. Ende Juli schrieb er einen Brief an Präsident Vucic und forderte ihn darin auf, den Plan zur Aufteilung des Kosovo und zum Gebietstausch aufzugeben, dafür aber um die Befreiung der gesamten Region von der albanischen Herrschaft zu kämpfen.

Vucic verlor langsam die Nerven und warnte, dass „diejenigen, die Kosovo jetzt nicht aufteilen wollen, in 40 Jahren Vrane verteidigen werden“ (die südliche Grenze des zentralen Serbiens).

Der Bischof verfügte seinerseits, dass in allen Kirchen seiner Diözese für die Einheit des serbischen Kosovo gebetet wird, er sperrte sich im Kloster Grazanica ein und verfluchte Vucic. „Verschiedene Angestellte unserer Zeit, die sich als ‚Priester‘ darstellen, geben alles auf, sobald sie ihr eigenes Interesse erkennen, und kümmern sich gar nicht um ihre eigene Herde“, erklärte er.

Dieser Konflikt scheint unumkehrbar zu sein, denn Marko Duric meinte gerade den Bischof Theodosios, als er von „Politikern und Predigern“ sprach, die sich von ausländischen Agenten beeinflussen ließen.

Schon zehn Minuten nach der außerordentlichen Sitzung des Sicherheitsrats traf sich Präsident Vucic hinter geschlossenen Türen mit Patriarch Irenaios. Worüber die beiden gesprochen haben, ist nicht bekannt, aber seine bildliche und metaphorische Sprache verrät vieles über seine allgemeine Einstellung. Als beispielsweise die Situation am Gazivodasee angespannt blieb, erinnerte Vucic plötzlich an Kopaonik, den bekanntesten Winterurlaubsort in Serbien: „Die Menschen in Belgrad wissen beispielsweise nicht, dass wir den Berg Kopaonik nicht kontrollieren, dass man dort (…) jeden Tag KFOR-Patrouillen sehen kann“, gab er traurig zu. Dabei kommt der Präsident aus irgendwelchen Gründen nicht auf die Idee, eine Schützenbrigade nach Kopaonik zu schicken.Von Vucics Melancholie zeugt auch seine Aussage nach dem Treffen mit dem Patriarchen:

„Wir sind gespalten – in diejenigen, die die Unabhängigkeit des Kosovo akzeptieren wollen, dabei aber ihr schweres Schicksal beweinen und in Kneipen ewig jammern, alle wären gegen uns, und in diejenigen, die überhaupt über nichts verhandeln wollen und warten, bis die Zeit kommen wird, wo wir alle Albaner vertreiben, damit sie in Prokletije (Gebirge an der Grenze Albaniens) leben können.“

Da gibt es kaum etwas, was man hinzufügen könnte.

Während Vucic in Belgrad und Bischof Theodosios in seinem Kloster sich gegenseitig beschimpften, haben die US-Marineinfanteristen Zubin Potok wieder verlassen und befinden sich mittlerweile wieder auf ihrem Stützpunkt Nottinghill (im Kosovo, etwa drei Kilometer von Mitrovica entfernt). Die albanische Polizei hat ihrerseits den Übergang Jarina unter ihre Kontrolle genommen und dadurch den Norden des Kosovo von Serbien abgeschnitten. KFOR-Vertreter nahmen Kontakt mit den Vertretern der serbischen Streitkräfte auf und verhandeln über die Entsperrung Gazivodes und die Vermeidung von neuen bewaffneten Zwischenfällen. Vorerst scheint die Situation wieder beruhigt worden zu sein.

Aber Präsident Vucic kündigte bereits an, dass im September eine „schwere Arbeit“ bevorstehe. Wir werden sehen, wie sich die Situation dann entwickelt.

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