Stephen Leeb: Für den Westen gilt bald “friss oder stirb“

0
64

Stephen Leeb: »Der Grund, warum ich in Sachen Gold und goldbezogener Investments so bullisch bin, hat mit den tiefsitzenden Ungleichheiten und dem aggressiven Drängen sie anzusprechen zu tun. Und nein, trotz der Kampagnen-Rhetorik rede ich nicht über die USA oder die kommende Trump-Administration, deren Politik ausgesprochen unausgegoren ist. Tatsächlich sind Trumps offensichtliche Pläne die Steuern zu kürzen, bevor sich mit der Lücke in der Infrastruktur auseinandergesetzt wird, und seine Pläne Importe mit Zöllen zu belegen schlichtweg die falsche Medizin.

Ich spreche eher über die Welt als Ganzes. Man kann unsere Erde grob in zwei Teile aufteilen: den Westen und den Osten. Der Westen hat eine Bevölkerung von etwa 1,5 Milliarden Menschen mit einem Prokopfeinkommen von geschätzten $ 40.000 im Jahr. Die 6 Milliarden Menschen im Osten haben ein Prokopfeinkommen von etwa $ 4.000. Das ist ein großer Abstand, aber dieser hat sich seit Beginn des Jahrhunderts stetig verringert, weil der Osten rapide gewachsen ist – hauptsächlich in China – und sich das Wachstum im Westen verlangsamt hat.

In den vergangenen 1 ½ Jahrzehnten lag das Wachstum in den USA bei 1,8 Prozent – verglichen mit 3,8 Prozent zwischen 1949 und 1999. Für den Westen insgesamt sieht das Bild ähnlich aus: starkes Wachstum bis zum Beginn dieses Jahrhunderts und dann ein starker Rückgang.

Der Osten steigt auf, während der Westen fällt

Man könnte viele Gründe dafür benennen, warum der Osten den Westen nun weit hinter sich lassen wird. Aber eine Tatsache sticht für mich besonders hervor: Zwischen 1949 und dem Beginn des Jahrhunderts sind die Rohstoffpreise um weniger als 1 Prozent im Jahr gestiegen, derweil sie seit dem Jahr 2000 – trotz all der Volatilität – um jährlich 3,8 Prozent angestiegen sind. Dies hat den Osten erheblich begünstigt und den Westen zugleich heruntergezogen.

Der Osten profitiert auf mehreren Wegen von steigenden Rohstoffpreisen. Zum Einen ist er der wichtigste Rohstoffproduzent, denn etwa 80 Prozent der Ölproduktion – der wichtigste Rohstoff – findet sich im Osten. Wichtiger noch ist, dass der Osten die Rohstoffe zum Aufbau der Infrastruktur genutzt hat. Dies ist einer der sichersten Wege zur Steigerung von Produktivität und Wachstum und für den Bau von Fabriken und Städten, welche dann massive Mengen an Gütern herstellen, die an den Westen verkauft werden.

Kurz gesagt, der Osten war trotz steigender Rohstoffpreise in der Lage zu wachsen, weil seine Fähigkeit zur Nutzung der Rohstoffe für die Anhebung des Lebensstandards die höheren Preise für die benötigten Ressourcen mehr als wettgemacht hat. Der Westen hat dagegen höhere Rohstoffpreise bezahlt und bei der Nutzung dieser zur Verbesserung der Produktion und Infrastruktur versagt. Auf diesem Weg sind die höheren Preise einfach nur als Steuer
zu betrachten, welche das Wachstum zurückgehalten haben.

Und der Osten zeigt keine Anzeichen des Zögerns. Während sich Chinas eigenes Wachstum verlangsamt hat, so hat das Land doch eindeutig erkannt, dass sein Wachstum in der Zukunft von der weiteren Entwicklung des Ostens abhängig ist. Daher auch die “One Belt, One Road“ (OBOR), oder auch Seidenstraßen-Initiative.

China plant zunächst $ 4 Billionen für die Infrastruktur der OBOR-Länder auszugeben, welche rund 70 Prozent der Weltbevölkerung stellen und im Schnitt wahrscheinlich weniger als $ 4.000 Prokopfeinkommen haben. Dies kommt zusätzlich zu der $ 1 Billion im Jahr, welche China für seine eigene Infrastruktur-Entwicklung ausgibt.

Ein Ergebnis wird sein, dass es einen hochgradig miteinander verbundenen Osten geben wird, wobei einige Verbindungen sich bis in ressourcenreiche westliche Länder wie Ecuador, Kolumbien und Chile ausdehnen werden. Eine Studie von McKinsey schätzt, dass dies in den hochgradig vernetzten Ländern zu zusätzlichem Wachstum von mehr als 40 % führen wird.

Der Westen: “friss oder stirb“

Was bleibt dem Westen dabei? Er findet sich in einer “friss oder stirb“-Situation wieder. Bereits im Jahr 1999 habe ich in meinem Buch “Defying the Market: Profiting in the Turbulent Post-Technology Market Boom“ vorausgesagt, dass es zu einem Crash bei den Technologie-Aktien kommen wird. Noch wichtiger jedoch war, dass ich darauf aufmerksam gemacht hatte, dass unsere Informationstechnologien zu unzureichend waren, um mit der Rohstoffknappheit umzugehen – was ich als das drängendste Problem ansah. Bis zu diesem Punkt hatte ich leider recht und durch Chinas Seidenstraße wird nun sichergestellt, dass die Rohstoffe noch knapper werden. Aber die USA steckt nach wie vor den Kopf in den Sand.

Ein kürzlicher Bericht der American Society of Engineers (ASCE) ist im Zusammenhang einer langsam wachsenden Wirtschaft beängstigend. Dort heißt es, dass die Infrastrukturlücke in den USA mehr als $ 1,4 Billionen beträgt. Diese Lücke sei jährlich um rund $ 35 Milliarden gewachsen. Der Bericht warnt:

Von 2016 bis 2025 wird jeder Haushalt aufgrund von Infrastrukturmängeln jährlich $ 3.400 an verfügbarem Einkommen verlieren. Falls diese Investitionslücke in den Infrastrukturbereichen der Nation nicht bis 2025 angepackt wird, dann ist zu erwarten, dass die Wirtschaft annähernd $ 4 Billionen an BIP einbüßt, was bis 2025 zum Verlust von 2,5 Millionen Arbeitsplätzen führen wird.

Um zu verstehen, wie eine Infrastrukturlücke derartige Verluste verursacht, denken Sie einfach an massive Staus auf unzureichenden Straßen, gesperrte Brücken, Blackouts, und so weiter.

Ursprünglich wurde China in dem 30-seitigen Bericht nicht erwähnt – sprich: diese Projektion zieht China nicht einmal ins Kalkül. China lauert aber im Hintergrund, nicht weil es uns in Sachen Handel schlägt, sondern wegen seiner eigenen Entwicklung und die auf diesem Weg im ganzen Osten angefachte Entwicklung wird die Rohstoffpreise weiter steigen lassen – wahrscheinlich mit zunehmender Geschwindigkeit.

Je eher wir dies begreifen, umso besser. Die Steuern zu kürzen, bevor wir uns mit der Infrastrukturlücke auseinandersetzen, bedeutet den Karren vor die Pferde zu spannen und dies ist zum Scheitern verurteilt. Eine Steuerkürzung mag das Wachstum beflügeln, aber dieses Wachstum geht nicht mit Produktivitätssteigerungen einher. Nicht vorhandene Investitionen in die Infrastruktur erhöhen die Lebensstandards nicht und die Inflation wird vermutlich mehr als die vom typischen Arbeiter zusätzlich verdienten Dollars aufsaugen.

Chinas Geisterstädte werden zu Megastädten

China versteht, dass Rohstoffe rar sind und immer knapper werden – das zeigen seine Initiativen. Erinnern Sie sich an das ganze Gerede über Chinas Geisterstädte? Davon hört man kaum noch etwas. Warum? Weil diese Geisterstädte zu Teilen von Megastädten werden. Das Gebiet um das Jangtse-Delta, mit Shanghai als größter Stadt, soll bis Ende der 2020er Jahre von 170 Millionen auf mehr als 250 Millionen Einwohner wachsen. Diese dichtbewohnten Megastädte erlauben erhebliche Einsparungen bei Rohstoffen und höhere Produktivität der Arbeiter. Dies wird ultraschnellen Zügen, geringerem Bedarf an Wasser- und Stromleitungen pro Person, besserer Erreichbarkeit von Krankenhäusern und vielem mehr zu verdanken sein.

Also ja, China ist in der Tat eine massive Bedrohung. Nicht wegen des Handels, sondern weil es sich vorgenommen hat die 10-fache Lücke zwischen den Reichen und den Armen in der Welt zu schließen. Das Trump-Lager hat seine Wahl als Auslöser für Infrastrukturbau und damit einhergehende höhere Produktivität und steigende Lebensstandards gefeiert. Ich bin dagegen besorgt, dass es anstatt der Infrastruktur zunächst zu einem Steuernachlass und/oder einem Handelskrieg kommt – in dem Fall wird die ASCE wahrscheinlich Recht behalten. Für den Westen würde dies kein gutes Ende nehmen.

Der größte Schock im Jahr 2017

Nun zu den Auswirkungen der Investitionen. Viele Szenarios gehen von einer Deflation aus, vermutlich als Ergebnis einer weiteren Krise wie 2008 – was immer gut für Gold ist. China wird seine Seidenstraßen-Strategie wahrscheinlich mit Hilfe eines goldgedeckten Geldsystems beschleunigen. Die Welt könnte durch den Osten aufgebrochen werden, welcher nach wie vor relativ arm ist, aber sehr schnell reicher wird. Ein einst reicher Westen würde vom Osten überholt werden.

Die begehrteste Wertanlage, in praktisch allen Szenarios die mir einfallen, wird Gold sein. Es wird entweder ein sicherer Hafen in einem deflationären Sturm oder das einzige Mittel zum Kauf immer knapperer Rohstoffe sein. Wie dem auch sei, Gold wird erheblich weiter steigen.«

Stephen Leeb im Gespräch mit Eric King von King World News,
veröffentlicht am 07.01.2017

Beitragsbild: King World News

***