Der Autovermieter Sixt, der Autobauer Seat, aber auch die Tageszeitungen und die Brauereien wollen nun – bewusst oder unbewusst – möglichst ungestraft von dem Ibiza-Skandal profitieren. Ob das geht und mit welchen Konsequenzen zu rechnen ist, erfahren Sie in diesem Sputnik-Artikel.
Noch vor gut einem halben Jahr strahlte der nun zurückgetretene FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache im Weihnachtsvideo-Spot „Die Hubers“. Statt dem Christkind brachte er dem überraschten Paar „Geschenke“, nämlich mehr Polizisten auf den Straßen, ein schärferes Fremdenrecht und „gestoppte illegale Migration“.
Im April servierte er in einem FPÖ-Wahlspot Stammgästen Bier. Seit der Veröffentlichung des skandalösen Ibiza-Videos schaffte er es aber in Windeseile auf eine andere Ebene auf dem Werbemarkt. Dort werden große Skandale gerne gesehen – und jener von Strache und seinem Geschäftspartner Johann Gudenus war wie eine tickende Zeitbombe.
Also wirbt der Autovermieter Sixt seit gut zwei Tagen in seinen Social Media-Kanälen mit einem Sujet, das Strache mit einem verblüfften Gesicht sowie einen Mercedes Benz zeigt. Die Botschaft dazu lautet: „Piept, bevor Sie gegen die Wand fahren.“ (Jetzt die Mercedes-Benz A-Klasse mit aktivem Brems-Assistenten mieten). Seit Jahren sind Sixt und die Werbe-Agenturen ganz vorn dabei, wenn es darum geht, Fehltritte von Promis und Politikern für ihre Zwecke einzusetzen.
Mit dem Slogan „Für alle, die einen Gauland in der Nachbarschaft haben“ nutzte Sixt im Jahr 2016 die Diskussion um die Äußerung des AfD-Politikers Alexander Gauland zu Boateng für die eigene PR. Gauland hatte zuvor in einem FAZ-Interview geäußert: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben“. Scharfe Kritik folgte.
Die Kunden sehen gerne, wie Strache durch den Kakao gezogen wird. Manche Firmen gehen sogar noch weiter. „Hat der Wagen auch rund-um Kameras?“ „Gibts auch ne Alkohol-Zündschlosssperre?“ „Nächste Werbeversion mit Seat Ibiza dann?“
Auch Seat nimmt beim Strache-Fall kein Blatt vor den Mund – wenn auch etwas vorsichtiger. Für das Ibiza-Modell wirbt die Firma aktuell auf den Social Media-Kanälen mit dem Satz „Einmal Ibiza, danach ist alles anders“ – und amüsiert damit die Kundschaft.
„Wisst ihr schon wann der seat Ibiza ‘hc edition’ kommt?“, ist in den Kommentaren zu lesen. „Wenn dann in Blau und mit Russischem Kennzeichen?“ Ein gewisser Florian Unger zeigte sich mit dem Scherz unzufrieden: „Findet ihr das ok? Sowas gehört sich nicht. Aber scheinbar hat es Seat nötig.“
Sogar das Wiener linksliberale Tagesblatt „der Standard“ weiß den Lockvogel – eine angebliche russische Oligarchen-Nichte, die sich später als Bürgerin Lettlands erwies – für die eigene Vermarktung zu schätzen. Allgemein scheint sich längst der Trend durchgesetzt haben, mit Gespött über Russen – ob gerechtfertigt oder nicht – die eigenen Absätze zu retten. „Den Standard kann man auch ohne Russen kaufen“, warb diesmal die Zeitung.
Laut dem Portal Meinbezirk.at hat ein weiteres Posting des FPÖ-Landtagsabgeordneten Peter Handlos aus Tragwein für Aufregung im Netz gesorgt. Offenbar hatte das Unternehmen Freistädter Bier am Dienstagvormittag via Facebook ein Werbesujet mit dem Titel „Zwickl statt Kickl“ online gestellt. Damit gemeint war Herbert Kickl, der mittlerweile ehemalige Innenminister. „Mich würde ja interessieren, ob alle 150 Gesellschafter der Braucommune Freistadt dieser Meinung sind“, schrieb Handlos auf seiner Seite.
Geschäftsführer Ewald Pöschko erklärte daraufhin, das Werbesujet sei direkt von der Werbeagentur gekommen und nicht mit Freistädter Bier abgesprochen worden. Mittlerweile wurde das Posting gelöscht. Einzelne Twitter-Nutzer geben jedoch an, eine derartige Werbung in der Stadt gesehen zu haben. Im Oktober 2018 berichteten Medien über den Wirt des Lokals „Extremhirsch“ in Gänserndorf, der sein Bier billiger angeboten hatte – und „zwar so lange, bis Innenminister Herbert Kickl zurücktritt“. Die Aktion ging viral, hielt sich allerdings nicht bis zum wirklichen Rücktritt von Kickl am Dienstag.
Kann man so ungestraft Werbung machen?
Gegen Werbesujets, die nicht den Namen oder Bilder der Menschen enthalten, selbst wenn diese verhöhnt werden, kann nur schwer gesetzlich vorgegangen werden. Jedoch dürfen im Zusammenhang mit historischen Ereignissen Bilder von Personen verwenden werden, sofern öffentliches Interesse an diesen Ereignissen besteht. Die Ausnahme erlaubt es beispielsweise, Politiker, Prominente aus dem Showbusiness sowie Straftäter im Rahmen von bedeutenden Prozessen abzubilden.
2006 hatte Sixt ebenso ungefragt Oskar Lafontaine auf die Schippe genommen, nachdem dieser kurz nach seiner Wahl zum Bundesfinanzminister zurückgetreten war. Lafontaine verlangte eine Entschädigung in Höhe von 100.000 Euro von Sixt – und bekam sie nicht. Der Bundesgerichtshof argumentierte die Entscheidung damit, dass die Werbeanzeige neben dem Werbezweck auch einen Informationsgehalt für die Allgemeinheit aufwies. Der gleiche Schutz erstreckt sich auf kommerzielle Meinungsäußerungen und reine Wirtschaftswerbung, die über einen wertenden, meinungsbildenden Inhalt verfügt. Darunter fällt mitunter die Veröffentlichung eines Bildnisses, das Meinungen transportiert oder ergänzt.



