Wenn Donald Trump über andere Länder und seine Amtskollegen spricht, dann beschleicht eine Fremdscham den Beobachter, die schnell in Entsetzen umschlagen kann. Das war auch letzten Mittwoch in Washington so.
Es waren Worte mit Nachwirkung. Donald Trump hat bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit dem polnischen Staatspräsidenten Andrzej Duda am Mittwoch endlich dargelegt, warum die Vereinigten Staaten einen Teil ihrer Truppen aus Deutschland abziehen wollen: Der Abzug ist (man halte sich fest) ein Versuch, Deutschland für die Zusammenarbeit mit Gazprom zu bestraffen. Denn eigentlich müsse Deutschland – das ist der Kern der Erklärung von Trump – eine Billion Dollar für den Schutz zahlen, den die NATO dem Land biete.
Vielleicht wollte der US-Präsident sich damit seinen Wählern (es ist ja Wahlkampf in den USA) als einen harten und entschlossenen Patrioten verkaufen, der für die nationalen Interessen einzustehen vermöge. Aber gelungen ist es ihm nicht. Statt eines beherzten Patrioten verkörperte Trump einen beleidigten alten Mann, der schlecht damit zurechtkommt, dass die deutsche Regierungschefin ihm Aufmerksamkeit versage und dem nordatlantischen Bündnis Geld vorenthalte. Mit kaum verhohlener Eifersucht sagte Trump in Richtung Deutschland: „Ihr zahlt Russland Milliarden für Energie und dann sollen wir euch vor Russland schützen. Also ich finde das sehr schlecht.“
Trump legte nach: „Wir schützen Europa, während es riesige Handelsvorteile gegenüber Amerika ausnutzt“. Man könne sich nicht mal vorstellen, wie groß diese Vorteile seien. Dann wetterte er, die Europäer könnten kaum erwarten, dass sie es nach der Präsidentschaftswahl in den USA „mit jemand anders zu tun bekommen als mit Präsident Trump“. Aber nach den Wahlen würden die Europäer „einfach mehr zahlen müssen“, drohte der amerikanische Staatschef.
Besonders große finanzielle Absichten hegt Präsident Trump, wie die Agentur „Bloomberg“ betont, gegenüber der Bundesrepublik: „Sie vergessen all das Geld, das nicht gezahlt worden ist. Aber ich sprach von einer Billion Dollar, die sie wirklich schulden … Wir sind am Verhandeln. Mal sehen.
Dieselbe Billion Dollar erwähnte Trump neulich bei einem Auftritt vor versammelten Anhängern. 2018 hatte er schonmal versucht, die Summe von Angela Merkel zu erpressen. Ohne Erfolg. Ein deutscher Regierungsbeamter klagte damals gegenüber der „Financial Times“, Trump habe zur Bundeskanzlerin wörtlich gesagt: „Du bist cool, aber Du schuldest mir Billionen Dollar“. Das Kompliment soll bei Frau Merkel nicht verfangen haben.
Dafür bekam der US-Präsident am Mittwoch Lob von seinem polnischen Amtskollegen: „Der Präsident kennt die Geschichte Europas und versteht die Wirklichkeit in Europa“, sagte Andrzej Duda über den Herrn im Weißen Haus. Eine gewagte wie strittige Aussage. Denn bei aller Voreingenommenheit, die bestimmte Kreise der europäischen Elite gegenüber Russland haben: Unter ranghohen EU-Politikern wird sich kaum jemand finden, der ernsthaft die Erklärung glaubt, die USA schützten Europa vor Russland.
Die propagandistischen Schreckgeschichten vom aggressiven Nachbarn im Osten sind ja kein Abbild einer wirklich vorhandenen europäischen Furcht vor Russland, sondern nur ein Instrument des Machterhalts für Politiker, deren wichtigste und einzige Tugend darin zu bestehen scheint, dass sie ihre Wähler jederzeit vor Russland zu beschützen bereit seien.
Wirkliche Ängste liegen woanders. Beispielsweise im drohenden Verlust von Einnahmen aus dem Transit von russischem Gas. Siehe dazu Polen und seine Nachbarn. Oder darin, dass sich die Wahrnehmung Russlands bei vielen Europäern zum Guten verändert, was für jene Politiker einer Gefahr gleichkommt, die allein Kraft ihrer Russophobie Karriere gemacht haben.
Doch zurück zu Trump und Merkel. Nachvollziehbar ist das Verhalten des US-Präsidenten allemal: Er würde seinen Wählern zu gern eine Billion Dollar präsentieren, die er von Angela Merkel erhalten hätte, und verkünden, das Geld würde in die amerikanische Infrastruktur investiert. Und seinen Sponsoren aus dem amerikanischen Öl- und Gassektor würde Trump gern die Zusage servieren, dass Deutschland nunmehr Flüssiggas aus den Vereinigten Staaten statt Pipelinegas aus Russland kaufen werde. Nur: Dieser in Drohungen umschlagender Wunsch, dass Deutschland mehr zu zahlen habe, lässt eine grundlegende Frage unbeantwortet: Was soll denn passieren, wenn Deutschland es einfach nicht tut?



