Dieses Klebe-Tattoo soll vor sexuellen Übergriffen schützen

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Versehentlich berührt oder gezielt begrapscht? Nach mehreren sexuellen Übergriffen wächst die Angst unter Badegästen. Ein Tattoo soll Jugendliche jetzt schützen – denn sie sind sehr verunsichert.

Nicht glotzen und vor allem: Finger weg. In vielen Schwimmbädern am Bodensee sollen zwei kleine Flügel und der Schriftzug „No“ auf der Haut künftig genau das ausdrücken. Ein kleines Klebe-Tattoo – aufkleb- und abwaschbar – soll eine Warnung sein an potenzielle Grapscher, zugleich aber auch eine Bestärkung für Kinder und Jugendliche, sich zu wehren, wenn ihnen jemand zu nahe tritt. „Nein! Nicht mit mir!“ ist das Motto einer Präventionskampagne gegen sexuelle Belästigung, die der Bodenseekreis gerade in Frei- und Hallenbädern und Thermen begonnen hat.

Veronika Wäscher-Göggerle hat sie ins Leben gerufen. Die Frauen- und Familienbeauftragte des Landkreises sieht darin in erster Linie eine Hilfestellung vor allem für junge Badegäste. „Ich glaube, die sind sehr verunsichert“, sagt sie. Was ist normal im täglichen Miteinander und was muss man sich nicht gefallen lassen – und vor allem auch melden? Das soll eine Art Comic erläutern, der künftig in den Bädern ausliegt. Das Klebe-Tattoo gibt es dazu und soll natürlich auch ein Anreiz für die jungen Badegäste sein, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Es soll nicht rüberkommen wie eine weitere Baderegel.

Veronika Wäscher-Göggerle, Frauen- und Familienbeauftragte der Stadt Tettnang, hält ein Plakat der Kampagne "NEIN! Nicht mit mir!" in den Händen.
Veronika Wäscher-Göggerle, Frauen- und Familienbeauftragte der Stadt Tettnang, hält ein Plakat der Kampagne „NEIN! Nicht mit mir!“ in den Händen. (Foto: dpa)

Seit der Silvesternacht von Köln und ähnlichen Vorfällen in den Wochen danach sind sexuelle Belästigungen ein Dauerthema – Schwimmbäder und auch Flüchtlinge stehen besonders im Fokus. Sicherheitsdienste patrouillieren über Liegewiesen, regelmäßig gibt es Berichte von Fällen, in denen Mädchen und junge Frauen im Wasser begrapscht und bedrängt werden. Nach mehreren sexuellen Übergriffen in einem Freibad in Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) engagierte die Kommune private Sicherheitsleute, auch in Stuttgarter Bädern sind jetzt welche unterwegs.

Die Zahl der Belästigungen ist nicht gestiegen

Vor allem die Bäder selbst betonen aber: Es gibt Fälle von sexueller Belästigung, aber im Prinzip sei nichts anders als früher, abgesehen vielleicht von der gestiegenen Aufmerksamkeit. „Es gibt keine Auffälligkeiten“, sagt Joachim Heuser von der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen, weder bei der Zahl der Taten noch bei der Beteiligung von Flüchtlingen. Deren fehlende Erfahrung mit Schwimmbädern sei ein viel größeres Problem, die richtige Badekleidung, die Einschätzung der Wassertiefe – und dass viele gar nicht schwimmen könnten.

Das Innenministerium betont, die Zahl der erfassten sexuellen Übergriffe in Schwimmbädern schwanke zwar, habe sich in den vergangenen fünf Jahren aber nicht nennenswert geändert. Auch Veronika Wäscher-Göggerle will ihre Aktion losgelöst sehen vom Thema Flüchtlinge. „Das ist völlig unabhängig“, sagt sie. „Sexuelle Belästigung in Bädern hat es schon immer gegeben.“

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Stephanie Ackermann sieht das ähnlich. „Es ist nichts, das jetzt plötzlich auftritt“, sagt die Leiterin der Fachberatungsstelle bei sexuellem Missbrauch in Heilbronn. Zusammen mit anderen hat sie schon 2014 ein Präventionsprojekt für Schwimmbäder ins Leben gerufen. Es gibt Schulungen für das Personal und Flyer und Plakate, die Erwachsene ermutigen sollen, genauer hinzuschauen. Oder, wie Ackermann sagt, auch mal andere Badegäste anzusprechen, die ohne eigene Kinder am Kinderbecken oder unten an der Rutsche stehen.

Die Erfahrung zeige, dass Bademeister tatsächlich häufiger auf mögliche Fälle aufmerksam gemacht würden, sagt Ackermann. Wichtig sei daher aber auch, dass sie gezielt geschult würden, um richtig mit mutmaßlichen Opfern und Tätern umzugehen und auch unterscheiden zu können: Was ist tatsächlich eine zufällige Berührung, was Absicht? Wichtig sei, sofort zu reagieren. Oft kämen Betroffene zwar später in die Beratungsstelle, um von Vorfällen im Schwimmbad zu berichten. „Aber keiner ist auf die Idee gekommen, zum Bademeister zu gehen.“

19.08.2016 |Nico Esch, nago, DPA, N24