StartZARONEWS PresseAgenturMathematiker zu Dieselstreit: Umweltbundesamt kann nicht richtig rechnen

Mathematiker zu Dieselstreit: Umweltbundesamt kann nicht richtig rechnen

Nach der Kritik von Lungenarzt Dieter Köhler und mehr als 100 weiteren Kollegen sowohl an Grenzwerten wie auch den Messverfahren rund um Diesel-Fahrverbote, melden sich nun auch Mathematiker zu Wort. Sie werfen dem Studienersteller für das Umweltbundesamt vor, ohne wissenschaftliche Grundlage übertriebene Ängste vor mehr als 6.000 vorzeitigen Todesfällen durch Stickstoffdioxid zu schüren. „In diesem Report wird eine Formel verwendet, die falsch ist“, so Prof. Peter Morfeld von der Ruhr-Universität Bochum. „Wir können diesen Daten in dem Bericht des Umweltbundesamtes (UBA) nicht trauen. Eine solche Aussage ist Unsinn.“ Prof. Morfeld fordert eine Versachlichung der Diesel-Debatte

In der Studie vom März 2018 hatte das Helmholtz-Institut mit statistischen Methoden Zusammenhänge von Stickstoffdioxid-Belastungen und Krankheitsverläufen errechnet. Dabei kamen die Forscher zu dem Schluss, dass im Jahr 2014 rund 6.000 Menschen in Deutschland vorzeitig durch Stickstoffdioxid verstorben seien. Im ARD-Wirtschaftsmagazin „Plusminus“ wirft der habilitierte Epidemiologe und Mathematiker Morfeld dem Helmholtz-Institut vor, eine in der Mathematik gebräuchliche Formel, die sogenannte AF-Formel (Attributale Fraktion), falsch angewendet zu haben, berichtet der NDR.

Es liege nahe, dass diese Formel auch bei Ableitung des Grenzwertes für Stickoxid und zur Begründung von Fahrverboten verwendet wurde. Für die Errechnung vorzeitiger Todesfälle müsste jede Person, die untersucht wird, einen statistischen Zwilling haben mit genau derselben Lebensweise – wie regelmäßigem Sport oder etwa dem genau gleichen Alkoholkonsum. Es dürfe nur einen Unterschied geben: die Belastung durch NO2. „Wenn wir solche Daten nicht zur Verfügung haben, können wir den Begriff der vorzeitigen Todesfälle nicht sinnvoll verwenden“, s0 Prof. Peter Morfeld. „Und solche Daten gibt es in der Epidemiologie nicht.“

Betrachtet man die Größe, die mit der Formel tatsächlich gemessen werden könne – und das nur die generell verlorene Lebenszeit – dann ergebe sich ein ganz anderes Bild der Schadstoffbelastung als öffentlich dargestellt: Der Effekt der NO2-Exposition sei in Wahrheit klein, im Jahr 2014 statistisch für die Gesamtbevölkerung betrachtet nur acht Stunden pro Person. „Diese große, plakative Wirkung mit den vielen Todesfällen, die ergibt sich nur, wenn ich die Formel falsch anwende“, stellt der Wissenschaftler fest.

Prof. Morfeld fordert, endlich zu einer Versachlichung der Diesel-Debatte zu kommen. Den Bürgern müsse man klar sagen, dass vorzeitige Todesfälle nicht bestimmt werden könnten. Andernfalls könnte das Vertrauen der Bürger in Politik und Wissenschaft erschüttert werden – vor allem angesichts anstehender Dieselfahrverbote und drohender finanzieller Verluste für die Betroffenen. Das Umweltbundesamt fordert der Epidemiologe auf, seinen Bericht zu den 6.000 vorzeitigen Todesfällen zurückzuziehen: „Sicher ist das ein schwieriger Schritt für das Umweltbundesamt, aber ich halte ihn für überfällig.“

Das UBA gehe „offen mit Kritik um“ und gab an, die Anwendung der Formel zu prüfen. Die Frage sei dabei nicht, ob die Formel falsch oder richtig sei. Bezweifelt werde lediglich, ob sie auch für die Ableitung vorzeitiger Todesfälle verwendbar ist, wie von der WHO empfohlen, heißt es dazu in einer Presseaussendung(SB)

@jouwatch

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