Berlin – Nach den Plagiatsvorwürfen gegen die amtierende Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) hat jetzt Peter Grottian, Sozialwissenschaftler und emeritierter Professor an der FU Berlin, gefordert, dass die Ministerin ihre Doktorarbeit aberkennen lässt und von allen Ämtern zurücktritt. Dies berichtet der Focus und verweist dabei auf einen Gastbeitrag des Sozialwissenschaftlers in der Süddeutschen Zeitung. Grottian ist an der gleichen Uni tätig, an der Giffey promovierte. Wie unterschiedliche Medien bereits berichteten, hatte die SPD-Politikerin 2010 mit der Dissertation „Europas Weg zum Bürger“ ihren Doktortitel erworben. Nun hat das Plagiatsjägerportal „VroniPlag Wiki“ laut Focus nachgewiesen, „dass etwa ein Viertel ihrer rund 200 Seiten langen Arbeit Unregelmäßigkeiten enthalten.“
„Bundesfamilienministerin Franziska Giffey hat eine höchst anfechtbare Doktorarbeit im Fach Politikwissenschaft an der FU Berlin geschrieben. Die von Vroniplag Wiki aufgedeckten Mängel sind so schwerwiegend, dass sie mutmaßlich zur Aberkennung des Doktorgrades ausreichen“, schreibt Grottian in seinem Gastbeitrag. Die Ministerin habe „vom Handwerk wissenschaftlichen Arbeitens nur einen blassen Schimmer“. Das gelte auch für den Stand der Forschung und die theoretisch-methodische Reflexion in ihrer Arbeit: „Giffey demonstriert ein oft naives, fehlerhaftes und verantwortungsloses Verhältnis zu ihrem Fach.“ zitiert der Focus weiter den renommierten Sozialwissenschaftler.
Nach Einschätzung von Grottian liegt die Fehlerhaftigkeit der Doktorarbeit zwischen den Arbeiten von Karl-Theodor zu Guttenberg 2011 und Annette Schavan (CDU). Sowohl der Verteidigungsminister als auch die Bildungsministerin hatten daraufhin ihre Ämter niedergelegt. Der Fall Giffey „ist gravierender als der von Schavan und weniger gravierend als bei Guttenberg“, urteilt Grottian.
Gleichzeitig wirft der Experte der Bundesfamilienministerin „mangelnde wissenschaftliche Distanz“ bei ihrer Arbeit vor. Sie habe eigentlich nur über sich und ihr direktes Umfeld Berlin-Neuköln geschrieben.
„Eine ausreichende Reflexion über die Fallstudie, die den Kern ihrer empirischen Arbeit bildet, liefert sie nicht.“ bemängelt Grottian und kritisiert auch ihre Betreuerin, die Giffey hätte helfen müssen, „die Doktorarbeit auf ein Feld zu konzentrieren, wo Wissenschaft und Eigennutz nicht kollidieren“.
Für die SPD käme ein Rücktritt von Giffey sicherlich zum ungünstigen Zeitpunkt. Im Mai stehen wichtige Wahlen ins Haus, die auch in Berlin die Karten nochmals durcheinanderwirbeln könnten. (KL)
@jouwatch



