Angesichts des rasanten Vormarsches der militant-islamistischen Taliban* in Afghanistan hat sich Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) am Freitag in Berlin für eine schnelle Ausreise sogenannter Ortskräfte ausgesprochen.„Die Situation in Afghanistan wird immer bedrohlicher“, zitierte die Deutsche Presse-Agentur Seehofer.„Ob Charterflüge oder Visaerteilung nach Ankunft in Deutschland: Ich unterstütze alle Maßnahmen, die eine schnelle Ausreise unserer Ortskräfte und ihrer Familien ermöglichen“, so Seehofer.Wie er weiter betonte, wird die zügige Ausreise der Ortskräfte und ihrer Familien am Innenministerium nicht scheitern.„Für Bürokratie ist keine Zeit, wir müssen handeln.“
Bundesregierung will afghanische Helfer schneller nach Deutschland holen
Die Bundesregierung will nach Worten von Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) afghanische Helfer und deren Familien schneller nach Deutschland holen. Dabei dürfte es vor allem auch um die ehemaligen afghanischen Ortskräfte gehen, die für die Bundeswehr, das Auswärtige Amt oder andere Bundesministerien in Afghanistan tätig waren.
Am Donnerstag kündigte Außenminister Heiko Maas (SPD) an, dass derzeit ein bis zwei Charterflüge vorbereitet würden, um noch vor Ende des Monats „eine größere Anzahl von Menschen“ aus Afghanistan auszufliegen.Ende Juni hatte die Bundeswehr nach fast 20 Jahren die letzten Soldaten aus Afghanistan abgezogen.
Am 26. Juli hatte DPA unter Berufung auf das Auswärtige Amt gemeldet, dass bisher circa 2400 Einreiseerlaubnisse für afghanische Helfer ausgestellt worden seien.Anfang August hatten deutsche Medien unter Berufung auf eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes berichtet, dass nach Stand vom 29. Juli mehr als 1300 afghanische Helfer von Bundeswehr und Polizei nach Deutschland eingereist sein sollen.
Taliban nehmen Kandahar und Laschkargah ein
Medienberichten zufolge nahmen die Taliban die Hauptstadt Laschkargah (auch Laschkar Gah) der afghanischen Provinz Helmand ein. Am Donnerstagabend hatten die Kämpfer demnach die zweitgrößte Stadt des Landes, Kandahar, unter ihre Kontrolle gebracht.Die Militanten haben bereits weite Gebiete des Landes besetzt und eine Offensive gegen größere Städte eingeleitet. Sie wollen seit Ende vergangener Woche Verwaltungszentren in zwölf der insgesamt 34 Provinzen eingenommen haben.
Afghanistan droht humanitäre Katastrophe
Indes warnten die Vereinten Nationen am Freitag in Genf vor der Gefahr einer humanitären Katastrophe in Afghanistan.„Wir stehen kurz vor einer humanitären Katastrophe“, zitierte die DPA eine Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR.Vor allem Frauen und Kinder würden vor den vorrückenden Taliban flüchten. Ein Sprecher des UN-Welternährungsprogramms (WFP) verwies auf eine mangelnde Lebensmittelversorgung.
Etwa ein Drittel der Bevölkerung sei nicht mehr mit Lebensmitteln versorgt, erklärte er. Allein zwei Millionen Kinder benötigten Hilfe.*Unter anderem von der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (Armenien, Kasachstan, Kirgistan, Russland, Tadschikistan, Weißrussland) als Terrororganisation eingestuft, deren Tätigkeit in diesen Ländern verboten ist.



