Alan Posener gilt mir als einer der bauernschlausten Wahrheitsverdreher innerhalb der schreibenden Zunft. In der „Welt“ erklärt er, warum es ihm an Respekt für AfD-Wähler mangelt und warum er es bescheuert findet, ihnen mit Verständnis zu begegnen. Dabei hatte er aber keinen guten Tag, denn er läßt sich anhand von nur zwei seiner Aussagen recht schnell abservieren.
Zunächst mokiert sich Posener über FDP-Chef Christian Lindner. Den hält er nämlich eigentlich für einen brillanten Rhetoriker. Aber Lindner hatte geäußert, daß man nicht ständig auf die AfD-Wähler einprügeln dürfe, wenn man die AfD treffen will. Lindners Ansicht gefällt Posener ganz und gar nicht. Daß sie ihm nicht gefällt, kann ich sehr gut nachvollziehen. Posener hat nämlich recht, wenn er schreibt: „Diese herablassende Nachsicht ist Paternalismus pur. Die Wähler sind keine Kinder, Politiker keine Therapeuten. Zu Recht ist das Wahlrecht an die Volljährigkeit gebunden.“ – 100 Punkte. Das ist wahr. Gleich im Anschluß versaubeutelt er aber alles wieder in der gewohnten Weise.
Posener: „Und wer sich mit offenen Augen entschließt, eine Partei zu wählen, die den Liberalismus und die Globalisierung mitsamt der Europäischen Union und der Nato ablehnt und sich einem autoritären und chauvinistischen Herrscher wie Wladimir Putin andient – der muss damit leben, dass ein Kolumnist diesen Wahlakt beim Namen nennt, nämlich Dummheit oder Perfidie.“
Dumme Perfidie ist natürlich diese Anmerkung Poseners – und zwar aus mehreren Gründen.
- Die AfD lehnt den Liberalismus nicht ab, sondern sie lehnt einen pervertierten Liberalismus ab, welcher sich zu einem „Wert aus sich selbst heraus“ stilisiert, was nämlich völliger Blödsinn ist. Liberalismus ist kein Wert, sondern Resultat konservativer Werte. Es gibt keine Freiheit ohne Ordnung. Der Historiker und Gewaltforscher Jörg Baberowski: „Freiheit und Ordnung sind keine Gegensätze. Ordnung ist der Grund, auf dem die Freiheit gedeiht. Konservative wissen das. In Russland weiss es jeder.“
- Posener hantiert mit Begriffen, dabei unterstellend, daß jedermann sie so zu interpretieren habe, wie er das voraussetzt. „Globalisierung“: Was für eine Globalisierung? Weltweiter Handel und weltweite Kommunikation der Verschiedenen an ihren jeweiligen Orten? Oder das Zusammenpanschen von allem und jedem mit allen und jedem?
- „Europäische Union“ – welche? Die noch in den neunziger Jahren propagierte „EU der Regionen“, die Individualität und Subsidiarität achtet? Oder doch die neue, die zentralistische EUdSSR? Eine „Europäische Union“ ist in vielerlei Ausformungen denkbar. Kein AfD-Wähler hat vermutlich etwas gegen eine EU, sondern er hat absolut alles gegen diese EU.
- Genau wie mit der EU, verhält es sich auch mit der NATO. Ein Militärbündnis ist nicht gleich ein Militärbündnis. Was für eine NATO lehnt der AfD-Wähler genau ab? – Eine kriegstreiberische lehnt er ab, eine, die ganze Weltregionen destabilisiert. Eine NATO zur Verteidigung des Territoriums ihrer Mitgliedstaaten lehnt m.W. kein AfD-Wähler ab.
- „Putin“: Ehe man sich über den Splitter im Auge des Anderen ausläßt, sollte man sich einmal Gedanken über den Balken vor dem eigenen machen. Autoritär und chauvinistisch: Merkel und ihre völlig unsubstantiiert-chauvinistischen Feministinnen. Nicht jeder Chauvinismus ist allerdings unsubstantiiert. Gegenüber der derzeitigen deutschen Regierung ist jeder russische Regierungschauvinismus berechtigt. Seinem ursprünglichen Wortsinne nach ist Chauvinismus nichts anderes, als die „Überzeugung, einer in einer oder mehreren Hinsichten überlegenen Gruppe anzugehören.“ Ob es Posener gefällt oder nicht: Überlegene Gruppen gibt es.
- „Kolumnist nennt Wahlakt beim Namen“: Der Kolumnist Posener nennt die Dinge nicht beim Namen, sondern er gibt ihnen einfach welche. Und zwar nach eigenem Gutdünken.
Alan Posener irrlichtert aber weiter: „„Liberalismus ist der Glaube an den einzelnen Menschen als vernünftiges, verantwortungsbewusstes Wesen, das sein Leben selbstbestimmt führen kann und will.“ So Lindner im Interview. Schöne Worte. Aber wenn sie nicht bloß Phrase sind, so bedeuten sie, dass der Bürger in der Wahlkabine Vernunft und Verantwortung walten lassen muss.“
Nein, das sind keine schönen, sondern dumme Worte von Lindner. Liberalismus als Glaube – geht´s noch? Zivilreligion, oder was? Das soll gut und schön sein? Ich glaube, es hakt. Liberalismus ist weder Wert noch Glaube, sondern Resultat. Unter anderem eben deswegen, weil Lindners Worte substanzlose Phrase gewesen sind – und keine „schönen Worte“ -, wird der „Bürger in der Wahlkabine Vernunft und Verantwortung walten lassen“ – und die AfD wählen.
Tschüß, Alan Posener! Neuer Tag, neues Glück: Probieren Sie´s halt morgen wieder.



