Paris – Nach dem Brand von Notre Dame melden sich moderne Architketen mit skurrilen Ideen zu Wort. Sie wünschen sich einen zeitgenössischen Wiederaufbau, der sich an der heutigen Zeit orientiert, bringen Glasdach, einen neuen Turm aus Stahl oder sogar ein Minarett ins Spiel.
Der Wiederaufbau der Kathedrale ist ein Millionengeschäft und moderne Architekten wollen ihr Stück vom Kuchen abbekommen. Am Mittwoch hatte der französische Premierminister Édouard Philippe laut The Observer einen internationalen Wettbewerb zur Rekonstruktion des eingestürzten Turms angekündigt. Man solle darüber reden, ob er in seiner ursprünglichen Form oder zeitgemäß wiederaufgebaut werden soll, meint der 48-jährige dreifache Vater, der sein Abitur in Bonn machte. Architekten aus aller Welt sind nun eingeladen, ihre Vorschläge für den neuen Turm vorzustellen. Und so zeigen sie ihren Ideenreichtum: Dem weltberühmten britischen Architekten Lord Norman Foster (83), der dem Berliner Reichstagsgebäude seine gläserne Kuppel verpasste, schwebt auch für Notre Dame eine nichtssagenden Dach- und Stahlkonstruktion vor. Er selbst nennt das ganze ein „Kunstwerk des Lichts, das zeitgemäß und spirituell“ wäre und den momentanen Geist der Gegenwart einfangen würde, so die Times.
Dem 72-jährigen Briten Ian Ritchie, Erbauer des Monuments Spire of Dublin, fällt auch nicht viel Neues ein. Der Architekt, der seit 2013 , kann sich -wie in Dublin – eine vom Dach in den Himmel ragende Spitze aus Stahl und Glas vorstellen, die das Licht bricht wie ein Kristall.
Den Gipfel des Einfallsreichtums erklimmt Tom Wilkinson in seinem Meinungsbeitrag im Architekturmagazin Domus. Er knüpft an die Ankündigung des französischen Präsidenten Macron an, der Notre Dame noch „schöner als vorher“ wieder aufbauen will. Notre Dame könnte ein Denkmal für alle Geknechteten der Vergangenheit werden. Warum nicht die Opfer des sogenannten Massakers von Paris von 1961 mit einem Minarett ehren, fragt Wilkinson in die Runde. Damals waren mehrere zehntausend Algerier für die Unabhängigkeit ihres Landes auf die Straße gegangen. Rund 200 von ihnen sollen von der französischen Polizei erschossen, erschlagen und zum Teil in der Seine ertränkt worden sein. „An diese Opfer des französischen Staates könnte man doch erinnern, in dem man den Turm durch ein anmutiges Minarett ersetzt, warum denn nicht“, findet der islamophile Autor.
Auch andere Stimmen wenden sich gegen die Wiederherstellung des 96 Meter hohen Spitzturms, der eine Jahrhunderte alte Geschichte von Zerstörung und Wiederaufbau hinter sich hat. Als „Travestie“ bzw. „Farce“ bezeichnete The Telegraph die Pläne zur Rekonstruktion. „Das Gebäude ist so überfrachtet mit Bedeutung, dass der Brand sich wie ein Akt der Befreiung anfühlt“, findet auch Professor Patricio del Real, der an der Harvard Universität Architekturgeschichte lehrt, in einem Interview mit dem Magazin Rolling Stone. Ob Notre Dame je wieder so aussehen wird, wie vor dem verheerenden Brand, scheint angesichts der heftigen Diskussion völlig offen. (MS)
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