Der neue Totalitarismus kommt auf leisen Sohlen: Big Brother trägt weder Uniform noch Knobelbecher, sondern lockt uns mit Smileys und Likes. Der digitale Zugriff erfolgt aber auf Kommando der analogen Herrschaft: Merkel gibt Zuckerberg die Sporen.
Diktatur der Freundlichkeit
Die Schöne Neue Welt der Überwachung sieht ganz anders aus. Was Heimkehrer aus dem Silicon Valley berichten, die zum Beispiel in der Google-Zentrale gearbeitet haben, wurde in der Verfilmung der Dystopie The Circle eins zu eins umgesetzt: lichtdurchflutete Räume, flughafenhallengroße Lofts mit Grünzeug zwischen den Computerbeeten, aufgeknöpfte Hemden und Schlabberpullis, aufgeregtes Duzen in der bei allem Stress doch ewig lächelnden U30-Belegschaft.
Der Mega-Konzern, den Autor David Eggers beschreibt, ist aus einer Fusion der ohnedies schon riesengroßen Konzerne Google, Facebook, Amazon und Co. entstanden. In Roman und Film ist eine Entwicklung vollendet, die heute bereits weit vorangeschritten ist: Die verschiedenen Passwörter für einzelne Lebensbereiche sind abgeschafft – mit dem zentralen Log-in vom Circle erhält man Zugang zu Netzwerken, zum Banking, zum Renten- und Gesundheitssystem. Der nächste Schritt wird vorbereitet: Jeder muss eine Minikamera tragen, die rund um die Uhr das eigene Leben sofort online stellt. Jeder soll also jeden kontrollieren können, damit keiner sich mehr traut, etwas Böses zu tun, und sei es im Bad oder im Schlafzimmer. Zukunftsmusik? Eric Schmidt, damals CEO von Google, sagte bereits 2010: «Wir wissen, wo Du bist. Wir wissen, wo Du warst. Wir können mehr oder weniger wissen, was Du gerade denkst.» Als er einmal im US-Fernsehen nach all den gesammelten User-Daten gefragt wurde, antwortete Schmidt: «Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht ohnehin nicht tun.»
Schöne Neue Welt: Der Circle-Campus ist die Machtzentrale in der Dystopie von David Eggers. Anders als etwa das Ozeanien in George Orwells «1984» gibt sich die Welt der totalen Kontrolle jedoch den Anstrich weitläufigen Freiraumes. Foto: The Circle, Screenshot
In der Welt von Google und Facebook ist die Überwachung nicht mehr erkennbar, denn sie wird durch Selbstentblößung überlagert: In George Orwells Roman 1984 stellt die Einheitspartei jedem einen Monitor in die Wohnung, über den er ausspioniert wird. Heutzutage geben wir unsere intimsten Daten freiwillig preis, weil wir nicht wahrhaben wollen, dass der Algorithmus sie gierig aufsaugt und dem Regime zur Verfügung stellt.
Analog kommandiert Digital



