In einem Sputnik-Gespräch über die islamistischen Terroranschläge in Wien und Frankreich nimmt der ehemalige KGB- sowie spätere FSB-Chef für Antiterror, Wladimir Luzenko, kein Blatt vor den Mund. Er ist „das jahrzehntelange Reden“ über die Vorbeugung der Einzelfälle leid und beharrt auf einem gründlichen Kampf gegen den Terrorismus.
„Es wird schon längst betont, dass Europa sich vereinen und endlich ernsthaft gegen den Terrorismus vorgehen sollte, statt die Schaben durch die Welt zu jagen“, so Luzenko (73), den Sputnik-Lesern schon länger als Mann klarer Worte bekannt. „Das heißt, die Hauptquartiere, die Ideologen und die Sponsoren ausschalten, statt sich nur um die einzelnen Jungs zu kümmern, die diese verrückten Ideen in den Kopf gelegt bekommen und daher eher Kanonenfutter sind.“
„Diese jungen Idioten, die Täter, werden einer Gehirnwäsche unterzogen. Schließlich haben sie keine kommerziellen Ziele, wenn sie um einer Idee willen töten gehen“, legt Luzenko nach.
Und diese werde in ihre Köpfe von Meistern eingehämmert: ob im Internet oder durch die zahlreichen Fonds.
Zuvor war bekannt geworden, dass der Attentäter von Wien, ein 20-jähriger Inhaber eines österreichischen und eines nordmazedonischen Passes, sich schon in Syrien dem „Islamischen Staat“ (IS)* anschließen wollte, von den österreichischen Behörden aber durch Inhaftierung daran gehindert wurde. Einige Monate später wurde er jedoch vorfristig freigelassen. Mehrere Medien berichteten unter Verweis auf das Urteil des Wiener Landesgerichts vom April 2019, dass Kujtim F. samt Freunden Anfang 2018 begonnen hätte, „sich intensiv mit den Ideologien des IS auseinanderzusetzen“. Das österreichische Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung stellte demnach auch fest, dass sie über den Messenger Telegram in Kontakt mit IS-Leuten in Syrien und dem Irak kamen, zuvor aber an salafistische Prediger in fundamentalistischen Moscheen in Wien geraten waren und im Internet islamistische Propaganda konsumiert hatten. Am Dienstagabend nahm auch der IS den Anschlag für sich in Anspruch und nannte den Attentäter einen „Soldaten des Kalifats“.
Auch Luzenko gibt zu, dass der österreichische Geheimdienst sich in dem Fall verrechnet habe. Jedoch möchte er nicht die Geheimdienste in die Ecke drängen, sondern die Politiker, „deren Köpfe man richtig umstellen müsste“.
„Soll ich etwa die österreichische Polizei belehren, wie man arbeitet? Das wäre Unsinn. Auch die Geheimdienste wissen, wie man arbeitet. Hier müssten nicht die Geheimdienste, sondern die Politiker eins auf die Zwölf kriegen“, so Luzenko.
Ächzen und wehklagen nach den Anschlägen könnten die europäischen Politiker für seine Begriffe schon, aber richtig entschlossen bzw. geschlossen agieren noch nicht. Nach den blutigen Terroranschlägen in Paris und Nizza habe Frankreich im November 2015 und noch etwa im September 2016 zwar den Flugzeugträger „Charles de Gaulle“ zur IS-Bekämpfung geschickt, danach aber aus Kurzzeitgedächtnis stillgelegt, bemängelt der ehemalige Geheimdienstler. Auch die Ideologen eines islamischen Weltstaates in Saudi-Arabien werden aus seiner Sicht zu wenig von der Politik beachtet. Nicht zuletzt seien es aber die doppelten Standards der Politiker. Schon früher wies Luzenko darauf hin, dass die bekannten islamistischen Ideologen wie etwa Achmed Sakajew, Ministerpräsident der sogenannten tschetschenischen Exilregierung, oder Mowladi Udugow vermutlich in England und in Saudi-Arabien statt Strafe eine Zuflucht bekommen hätten. Auf ähnliche „doppelte Standards“ kam Luzenko auch im Fall des in Berlin ermordeten Georgiers Zelimkhan Khangoshvili zu sprechen.
Erst „Faust und Verstand“, dann der „Hammer“?
In einem Beileidsschreiben an die österreichische Führung hatte Russlands Staatschef Wladimir Putin kürzlich die Bereitschaft Russlands zur Vergrößerung des Zusammenwirkens mit Österreich und anderen Ländern im Kampf gegen den Terrorismus bekräftigt. In einem gemeinsamen Vorgehen sieht auch Luzenko eine Chance für ernsthafte Erfolge im Kampf gegen den Terrorismus abgesehen von der „Erschießung einzelner Täter auf den Straßen der friedlichen Städte“. Jedoch bräuchte man dafür „Faust und Verstand“ auf höheren Ebenen, eine Sanktion der Politiker, denn die Geheimdienste alleine seien nur „ein Hammer“. Früher, in den 90ern, hatte man dem Sputnik-Gesprächspartner zufolge selbst zwischen Russland und den USA solch eine Zusammenarbeit gehabt, wo der Terrorismus als Begriff definiert und gemeinsame Pläne entwickelt wurden. Leider sei sie allmählich eingefroren worden.



