Hier wieder eine jener Medungen, die man schwerlich unkommentiert lassen kann. Die dts-Nachrichtenagentur meldet:
Atlanta – Die US-Historikerin und Holocaust-Forscherin Deborah Lipstadt warnt davor, dass sich ein gefährlicher Populismus in Europa und den USA ausbreite. „Ich sehe einen hässlichen Populismus, dessen Hassrhetorik mich daran erinnert, wie die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht gekommen sind“, sagt Lipstadt dem „Spiegel“. Sie spricht von einem „ethnozentrischen“, „irrationalen“ Populismus, er nähre eine „gefährliche Stimmung“.
In den USA wie in Teilen Europas gebe es „einen anhaltenden Angriff auf die liberale Demokratie und den Versuch, eine illiberale Demokratie zu schaffen, eine softe Variante der Diktatur“. Die Politik des US-Präsidenten Donald Trump bezeichnet sie als „brandgefährlich“, er untergrabe das Vertrauen in die demokratischen Institutionen, säe Zweifel an der Justiz und den Medien. Mitunter erinnere Trump an Hitler am Anfang seiner Macht, „das heißt aber nicht, dass alles, was zwischen 1933 und 1945 war, wieder passiert“.
Lipstadt ruft dazu auf, Lügen von Populisten mit Fakten zu entlarven. Auch mit der AfD müsse man sich inhaltlich auseinandersetzen. Die Aussage des AfD-Chefs Alexander Gauland, Hitler und die Nazis seien ein „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte, nennt sie eine „Soft-Leugnung“ des Holocaust.
Dass sich etliche Juden in Deutschland nicht mehr trauten, mit Kippa auf die Straße zu gehen, bezeichnet Lipstadt als „bedrückend“. Die Historikerin hatte im Jahr 2000 einen aufsehenerregenden Gerichtsprozess gegen den britischen Holocaust-Leugner David Irving gewonnen. (dts)
Kommentar
Die US-Historikerin und Holocaust-Forscherin Deborah Lipstadt ist Professorin an der Emory Universität in Atlanta, einer von Methodisten im Jahre 1836 gegründeten Universität, an welcher der inzwischen 94-jährige Ex-US Präsident Jimmy Carter vor vier Jahren noch als Dozent für Politikwissenschaften geführt wurde. Deborah Lipstadt (*1947) wuchs in einer jüdischen Familie auf, studierte in New York und hatte, bevor sie nach Atlanta kam, Lehraufträge an Universitäten in Seattle und in Los Angeles. Die Holocautleugnung ist ihr Spezialgebiet. Sie hat ihr bekanntestes Buch darüber geschrieben, Titel: Betrifft: Leugnen des Holocaust, Zürich 1994.
Hoch anzurechnen ist ihr, daß sie die Verurteilung des britischen Holocaustleugners David Irving zu einer dreijährigen Haftstrafe in Österreich 2006 mit einer zum Niederknien vorbildlichen Begründung kritisierte. Sie glaube nicht daran, so Frau Lipstadt damals, dass sich Auseinandersetzungen durch Einschränkung der Redefreiheit gewinnen lassen. Die Bloßstellung von Holocaustleugnern erfolge mittels der historischen Wahrheit. Mein stehender Applaus dafür.
Dennoch ist es mit der Forschung zu Antisemitismus, Nationalsozialismus und Holocaust nicht prinzipiell anders, als mit jeder Geschichtsforschung, die sich mit genau zu umreißenden Zeiträumen befaßt: Irgendwann einmal ist alles Wesentliche erforscht und gesagt, alles weitere wird Krampf. Je näher diese Zeiträume an der Gegenwart liegen, desto schneller. Die entsprechenden Forscher können aber kein Interese daran haben, zu ihren Lebzeiten an ein Ende ihrer Forschungen zu kommen. Das ging beim Berliner Antisemitismusforscher Clemens Heni so weit, daß er bereits den „sekundären Antisemitismus“ erforschte, auf den dann womöglich noch der dritt- und der viertrangige gefolgt wären. Mit Heni habe ich mich 2017 auseinandergesetzt, und zwar hier und hier. Sein Versuch, Jouwatch und mich selbst vermittels einer Falschübersetzung eines meiner Texte in der Times Of Israel zu diskreditieren, ging damals nach hinten los. Nicht Jouwatch verlor in der Folge die Unterstützung unseres gemeinsamen Sponsors, sondern Henis Institut für Antisemitismusforschung in Berlin.
Die Gründe für die gegenständlichen Äußerungen der Professorin Lipstadt zu Trump und dem europäischen Populismus findet man am ehesten bei Norman G. Finkelstein. In seinem Bestseller „Die Holocaust Industrie“ (2000) beschäftigt er sich damit, wie und von wem das Leid der Juden im Dritten Reich heute ausgebeutet wird. Die institutionalisierte Antisemitismusforschung ist leider selbst zu einem Problemfall geworden. Sie lebt ganz gut davon, daß es sie gibt. Und je länger es sie gibt, desto länger lebt sie auch selbst gut davon. Eingebettet ist sie zu großen Teilen in jenes linksliberale Establishment, das es dieseits und jenseits des Atlantiks gleichermaßen gibt – und gegen welches Trump und die europäischen Populisten zu Felde ziehen. Und zwar keinesfalls deswegen, weil sie etwa Judenfeinde wären. Ganz im Gegenteil.
Es ist dieses linksliberale Establishment selbst, welches jüdisches Leben in Amerika und in Europa größter Gefahr aussetzt, indem es entlang seines doktrinären Egalitarismus´ partout nicht davon Abstand nehmen will, die ärgsten Judenfeinde der Welt massenhaft in den USA und in Europa anzusiedeln. Insofern sind Frau Lipstadts Assoziationen völlig grotesk. Was Deutschland betrifft, ist es hierzulande eine marodierende „Antifa“, die in ihren Methoden der nationalsozialistischen SA aufs Haar gleicht. Hierzulande sind es „Spezialdemokraten“, die Rede -und Meinungsfreiheit massiv einschränken. Das erinnert an 1933 und Bücherverbrennung. Hierzulande sind es AfD-Politiker, die tätlich angegriffen -, deren Familien terrorisiert – und deren Kinder gemobbt werden. Das erinnert an Deutschland ab 1935.
Wollte man die Äußerungen der US-Historikerin Deborah Lipstadt also wohlwollend interpretieren – und das will ich – dann käme man im mildesten Fall nicht darum herum, es als ignorantes Gewäsch abzutun, nach dem Motto: Nicht viel gewußt bei der Cocktailparty der Etablierten, aber halt mal etwas von dem gesagt, was in diesen Kreisen ein anerkennendes Schulterklopfen einbringt. Meinungsmode, die gut zum eigenen gesellschaftlichen Status paßt, sozusagen. Selbstzufriedenes, reflexartig ausgeworfenes, aber unreflektiertes Geplätscher. Ein gutmenschlicher Hustenanfall.
Weniger wohlwollend ausgedrückt – und ich bin mir gar nicht mehr so sicher, ob ich angesichts dieser bodenlosen Selbstgerechtigkeit noch wohlwollend bleiben kann – sieht es so aus: Hier wird hemmungslos auf meinem Andenken an die Millionen von barbarisch Ermordeten herumgetrampelt, auf meine Sorge um jüdisches Leben in Deutschland gespuckt. Hier wird der politische Widerstand gegen die systematischen „Nazis“ der Gegenwart grotesk diffamiert.
Frau Deborah Lipstadt sollte sich fragen, wie viel von dem Wohlwollen, der Sympathie und der grundsätzlichen Solidarität, die meinereiner mit ihr hat, wohl noch übrig bleiben kann, wenn man sich fassungslos ihre selbstsüchtigen Faktenverdrehungen bieten lassen soll. Frau Lipstadt sollte sich überlegen, ob sie nicht an der Seite Donald Trumps und an der Seite der europäischen Populisten sehr viel zielführender aufgehoben wäre, wenn es ihr wirklich um ein „Nie wieder!“ geht. Mir geht es darum.
@jouwatch



