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So will Berlin künftig Obdachlosigkeit bekämpfen

Im Januar hat Berlin seine obdachlosen Menschen gezählt. Nun trafen sich Ende Februar Vertreterinnen des Senats, der Sozialforschung und der Wohnungslosenhilfe, um zu beraten, wie das Problem in der Hauptstadt bekämpft werden kann. „Wir schaffen neue Hilfsangebote“, so Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Die Linke) im Sputnik-Interview vor Ort.

Was die Bekämpfung von Obdachlosigkeit in Berlin angehe, „gibt es nicht den einen Punkt, wo man ein Schräubchen drehen kann, und dann verschwindet das Problem“, erklärte Elke Breitenbach (Die Linke), Berlins Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales, vor Ort gegenüber Sputnik. Zuvor nahm sie an einer Podiumsdiskussion im Berliner „Haus der Demokratie und Menschenrechte“ Ende Februar teil.

Neben der Sozialsenatorin sprach Werena Rosenke, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW). Auch die Armutsforscherin und Soziologin an der HU Berlin, Jutta Allmendinger, war als Expertin anwesend. Die Diskussion moderierte Alexander Spies von der „Humanistischen Union“. Die „Internationale Liga für Menschenrechte“ hatte die Veranstaltung organisiert, sie stand unter dem Motto: „Die Freiheit unter den Brücken: Obdachlosigkeit in Berlin.“ Die Diskussionsrunde fand im Anschluss der Berliner Obdachlosen-Zählung Ende Januar statt.

„Das Recht auf Wohnen muss im Grundgesetz verankert werden“, forderte Professorin Allmendinger, die sich seit Jahren wissenschaftlich mit dem Problem von Armut und Obdachlosigkeit in Deutschland und Berlin befasst. Sie ist zudem Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung.

Warum Zählung der Berliner Obdachlose nicht ausreicht

„Die ‚Nacht der Solidarität‘, also die Zählung der Obdachlosen, war ein Punkt, den wir im Rahmen der Erstellung einer Wohnungsnotfallstatistik, begonnen haben“, erklärte Senatorin Breitenbach vor Ort im Sputnik-Gespräch.

„Wir haben die Zahlen der Menschen, die untergebracht sind. Wir haben die Zahlen der Menschen, die die Kältehilfe in Berlin nutzen. Wir haben die Zahlen der Menschen, die Beratungsangebote nutzen. Wir hatten aber zuvor nie Menschen auf der Straße gezählt. Jetzt gehe ich nicht davon aus, dass wir alle Berliner Obdachlosen in dieser Nacht gezählt haben.“ Deswegen reiche auch eine Zählung allein nicht aus. „Sondern wir brauchen mehrere Zählungen für die Vergleichbarkeit.“

Wichtig war ihr zu wissen: „Wo leben in unserer Stadt welche Menschen? Das muss ich wissen, um auch Unterstützungsangebote verändern und anpassen zu können.“ Wenn es beispielsweise eine Beratungsstelle gebe, in der alle deutsch sprechen, dann werde diese „mit rumänischen Obdachlosen nicht zusammenkommen. Dann muss ich das Hilfesystem verändern. Wir haben da aber schon einen Anfang gemacht.“ Viele Hilfsprogramme für Obdachlose stelle Berlin bereits seit zwei Jahren zur Verfügung.

„Housing First“ als Modell für Berlin

Auch die Vorteile des Projekts „Housing First“ wurden auf der Veranstaltung rege diskutiert. Diese Idee soll künftig laut Eigenaussage der „langfristigen Bekämpfung von Obdachlosigkeit“ in der Hauptstadt dienen. „Betroffene werden unbefristet und mit einem eigenen Mietvertrag in Wohnraum untergebracht und darüber hinaus professionell betreut. ‚Housing First Berlin‘ ist eine Projektpartnerschaft des Berliner Stadtmission e.V. und der Neue Chance gGmbH.“

„Housing First“ im Allgemeinen ist ein Ansatz aus der US-amerikanischen Sozialpolitik im Umgang mit Obdachlosigkeit. Es stellt eine Alternative zum herkömmlichen System von Notunterkünften und vorübergehenden Unterbringungen dar. Seit Jahren setzen Länder wie Finnland, Dänemark, Frankreich, Portugal oder Österreich diesen Ansatz erfolgreich um. Dabei erhalten Obdachlose relativ unbürokratisch eine unabhängige und dauerhafte Wohnung.

„‚Housing First‘ ist ein Modell-Projekt, das in vielen Ländern erfolgreich war“, berichtete Breitenbach im Interview. Berlins Sozialsenat unterstützt das Vorhaben. „Dabei ist es so, dass Menschen zuerst eine Wohnung erhalten.“ Die Wohnung diene dann als Schutzraum, in welchem „man sich nicht den ganzen Tag damit beschäftigen muss, wo man einen Schlafplatz und Unterkunft herbekommt. Hier können sich die Menschen dann in Ruhe überlegen: Wie geht es mit meinem Leben jetzt weiter?“

„Bundesregierung sollte mehr für Obdachlose tun“

„An bestimmten Punkten müsste die Bundesregierung etwas machen“, forderte die Sozialsenatorin. „Sei es, dass der Wohnungsbau, auch im Bereich der Sozialwohnungen, gefördert wird“, nannte sie als Beispiel. „Und natürlich würde ich mich freuen, wenn wir auf Bundesebene eine einheitliche Wohnungslosennotfallstatistik hätten.“

Bereits in früheren Sputnik-Interviews kritisierte BAGW-Geschäftsführerin Rosenke, dass Bund und Länder „zu wenig preiswerten Wohnraum“ bauen.

Auf der aktuellen Veranstaltung lobte sie, dass „über 800 soziale Träger“ und soziale Einrichtungen für Obdachlose, die unter dem Dach ihrer Organisation vereint sind, „eine sehr gute Arbeit“ leisten. Außerdem warf sie einen Blick auf die geplante bundesweite Obdachlosen-Zählung im Jahr 2021 voraus.

„Obdachlosigkeit berührt die Menschenrechte“

Ebenso auf dem Podium saß Spies, Mitglied im Landesvorstand der Regionalorganisation Berlin-Brandenburg in der „Humanistischen Union“. Er führte als Moderator durch den Abend im Berliner Haus der Demokratie und Menschenrechte.

„Wir bieten hier bei unseren ‚Vesper‘-Veranstaltungen verschiedene Themen an, die sich um Bürgerrechte und um Menschenrechte drehen“, sagte Moderator Spies im Sputnik-Interview vor Ort.

„Das war eine gemeinsame Planung mit den anderen Veranstaltern. Im Prinzip ist Obdachlosigkeit ein Thema, das die Grundrechte berührt. Wir geben als Humanistische Union auch den Grundrechte-Report heraus. Ich persönlich war in der letzten Legislaturperiode im Berliner Abgeordnetenhaus und habe mich dort fachlich mit dem Thema beschäftigt. Schließlich ist jedem Teilnehmer heute klargeworden, dass das ein sehr komplexes Problem, das gar nicht mal so wenige Menschen betrifft.“

Zum Berliner Modell-Projekt „Housing First“ kommentierte er zuvor auf der Podiumsdiskussion: „Es muss auch ohne viel bürokratische Hilfe und ohne Formulare möglich sein, obdachlosen Menschen zu helfen.“

Zur nächsten Vesper mit dem Motto „Menschenrechte aktuell“ lädt das Haus der Demokratie und Menschenrechte (Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin) am 26. März. Dann wird die Berliner Landesverfassung unter folgendem Aspekt diskutiert: „Jeder Mensch hat das Recht auf angemessenen Wohnraum“.

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